Nel mezzo del cammin
Von Thomas Warnecke
Mit vierzig hat Lucas Belvaux »La Trilogie« in Angriff genommen, um die Vierzig sind auch die Protagonisten aller drei Teile. Paare, die sich in der Mitte des Lebens eingerichtet haben. Davon, und wie die Einrichtungen durcheinandergeraten, erzählen die drei Filme. Davon, daß eine Mitte, ein Gleichgewicht kaum zu haben ist. Es klingt nach Konzept, nach formalistischem Kraftprotzen, aber die Filme sind weit mehr als ein in drei Teile zerlegter Ensemblefilm.
Die Trilogie gehört zum Aufregendsten, was es in diesem Jahr zu sehen gibt. Anders als bei Kieslowskis »Trois couleurs« wird Bedeutung nicht aus der symbolisch aufgeladenen Einfärbung gewonnen, sondern aus der dreimal neu vorgenommenen Perspektivierung und Gewichtung der Handlungsverläufe. Lebensentwürfe lösen sich auf in Film. Cécile, Lehrerin, und Alain, Unternehmer, sind zunächst weniger ein tolles als ein perfektes Paar, bis er ihr eine bevorstehende Operation verschweigt, worauf sie ob seiner Heimlichtuerei den Mann ihrer Kollegin bittet, ihn zu beschatten. Dieser ist Polizist und hat eigentlich Wichtigeres zu tun, aber Cécile wird gespielt von Ornella Muti, da nimmt auch der verbissenste Beamte Umstände in Kauf.
Un couple épatant läuft geschmiert wie eine Boulevardkomödie. Das Tür-auf-Tür-zu-Spiel findet sein Äquivalent in vorzugsweise abrupten Schnitten. Irgendwann scheuert Cécile ihrer Tochter eine, und wer sich an diese Ohrfeige erinnert, wenn in
Après la vie Gilbert Melki Dominique Blanc eine verpaßt, der hat den Unterschied zwischen Komödie und Melodram gesehen. Zwischen diesen beiden Flügeln des Triptychons steht die Flucht des Terroristen Le Roux in
Cavale.
Es gibt in keinem der drei Teile Rückblenden, ebensowenig gibt es Panoramaeinstellungen; nichts wird erklärt oder zusammengefaßt, die Erinnerung ist der Aufmerksamkeit des Zuschauers überlassen. Die Kamera, in allen drei Filmen unter der Leitung Pierre Milons, ist nah an den Darstellern. Scheinbar mehr im Verzicht auf filmische Mittel, in Wirklichkeit durch ihre kluge Auswahl, insistiert jede Aufnahme auf Gegenwärtigkeit. Ironischerweise ist es der dialogarme Actionthriller, der mit der Hauptfigur des ausgebrochenen Terroristen am deutlichsten markiert, wie viel Vergangenheit alle Figuren hinter sich gelassen haben.
Cavale erinnert an
Die innere Sicherheit ebenso wie an
French Connection.
Der dritte Teil fokussiert den Polizisten und seine drogenabhängige Frau, und dafür, daß die Trilogie Kino pur ist, bietet die schwache Darstellung Gilbert Melkis nicht den schlechtesten Beweis: Mit nur einem einzigen Gesichtsausdruck genügt seine Darstellung vollauf; die melodramatische Imagination, die der Verdichtung der schicksalhaften Verstrickungen im letzten Teil erwächst, preßt auch seinen Gesichtszügen Bedeutung ab.
Einige Einstellungen wiederholen sich in den drei Filmen, und es sind nur die Änderungen im Tempo, die unterschiedlich rhythmisierte Auflösung der Szenen in der Montage, die die verschiedenen Genres generieren. Es gibt drei vollständige Filme zu sehen, die einander überlagern – nicht umsonst ist jeder Film vom gleichen Team gedreht, aber jeweils anderen Editoren geschnitten worden.
Montage und Mise en scène: Die beiden Pole der Filmtheorie versetzen die Figurenkonstellationen in Schwingung; trotz der klar definierten Topographie, trotz des linearen Ablaufs der Zeit scheint es in keinem der Filme einen Halt zu geben. Das ist die Bewegungskunst Film.