Messerscharf
Von Daniel Bickermann
Gäbe es einen Preis für den moralisch vielschichtigsten Film, dann wäre Tim Blake Nelsons stilistisch souveräne Adaption des eigenen Theaterstücks dieses Jahr ohne ernsthafte Konkurrenz. Dabei sollte man meinen, von allen möglichen Schauplätzen wäre in Auschwitz die Grenze zwischen Tätern und Opfern am markantesten. Aber durch die beispiellos mutige Entscheidung, sich auf die »jüdischen Sonderkommandos« zu konzentrieren, die für einige Wochen gutes Essen und Tabak die Schmutzarbeit und Leichenverbrennung für die Nazis übernahmen, bevor sie selbst getötet wurden, gewinnt dieser Film eine grausame, streckenweise sogar zynische Ambivalenz, die ihn befähigt, das schwierige Thema des Holocausts zu behandeln, ohne in Betroffenheit oder Traumtänzerei zu verfallen. Stattdessen veranschaulichen die kühlen, aber immer beunruhigend angeschnittenen Bildkompositionen vor allem den industriellen Aspekt einer beispiellosen Tötungsmaschinerie.
Blake zeigt Auschwitz als einen Ort außerhalb des Weltgefüges, wo es keine Vorgeschichte und keine Zukunft gibt. Auch über ihren bereits angekündigten Tod sind die hier behandelten Figuren längst hinaus, ihre letzte Auflehnung besteht nicht in Flucht, sondern in Sabotage – wer will schon weiterleben, nach dem, was man hier gearbeitet hat? Trotzdem wird aus diesem pechschwarzen Sujet ein Film, der lebendig ist, der kämpft und schreit und der fähig ist, unerhörte Spannung aufzubauen. Die Darsteller sind bis in winzigste Gesten hinein präzise, jeder Satz der dichten Vorlage ist messerscharf, jedes Schweigen spricht Bände. Dies ist eine Theaterverfilmung, wie man sie sich wünscht: furchtlos, kontrovers, ohne Umschweife oder Ausflüchte, dafür mit einem der besten Dialogdrehbücher des Jahres.