Belehrbarer Chaot
Von Matthias Grimm
Im Trailer zu
Lilo & Stitch ist Disney die Verzweiflung regelrecht anzusehen: Da setzen Beauty und Beast zu ihrer berühmten Ballszene an, als just der Kronleuchter von der Decke kracht. Schuld daran hat der kleine, anarchische Kobold Stitch. Klar, was das zu bedeuten hat: Schluß mit lustig, Schluß mit zuckersüß.
Der Bruch mit alten Mustern steht bevor! Diesen versucht Disney schon seit Jahren zu erzwingen: Mit
Fantasia 2000 versuchte man noch zu zeigen, daß Zeichentrick ja irgendwie doch so eine Art Kunst ist;
The Emperor's New Groove war mit seiner Verneigung vor dem Cartoon ein zaghafter Schritt in neue Richtungen; und
Atlantis war seine Verbissenheit anzusehen, die sich nur in unentschlossener Anbiederung an ein erwachsenes Publikum entlud.
Dann kam
Shrek, und der übermäßige Erfolg dieser Parodie legte offen und machte explizit, was viele schon lange dachten: Süß ist doof. Leider erschöpfte sich die Kritik von
Shrek darin, eben nur Parodie zu sein, nicht anders, und wenn anders, dann nur insofern, daß gerülpst und in der Nase gebohrt wurde.
Lilo & Stitch ist Disneys Antwort auf
Shrek und – zum Glück: Er ist keine Parodie, wie es der Trailer vermuten läßt. Rülpsen und in der Nase bohren tut auch keiner. Stattdessen ist der Film die Tugend, die aus der Not gemacht wurde. Er ist anders und innerhalb dieser Andersheit nicht, wie
Shrek, lediglich ein Negativ von etwas Bestehendem, sondern eine Art Reorganisation des Systems. Daß er anders ist, beginnt mit solch Nebensächlichkeiten wie der Tatsache, daß zu Beginn des Films Credits eingeblendet werden, und kulminiert im Zeichenstil, der mit seinen fast antiquiert anmutenden Aquarellhintergründen weit entfernt ist vom computerunterstützten Realismus sämtlicher Vorgänger.
Lilo & Stitch definiert sein Anderssein, seinen Anarchismus, nicht dadurch, daß er bestehende Muster bricht und sich in der Asche suhlt, sondern sie bricht, um sie danach wieder in Ordnung zu bringen, sich praktisch mit all denen zu versöhnen sucht, die vom Wege abgekommen und zu
Shrek übergelaufen sind, ihnen vorzuführen, was die alten Werte sind und welchen Platz sie innerhalb des Systems einnehmen, welchen Stellenwert dem Konzern und dem Publikum darin zukommen, und warum es nur auf diese Weise funktionieren kann.
»
Shrek geht nicht! Kommt zurück!«, schreit dieser Film, und die Tatsache, daß Dreamworks mit
Spirit demnächst einen in eben jener zuckersüßen Tradition stehenden Trickfilm vorstellen wird, untermauert dieses Statement. Die Art und Weise, wie Disney diese These, gleichermaßen Wunschdenken wie Propaganda, begründet, ist ein kulturindustrielles Meisterstück: Die Fabel vom häßlichen Entlein, das in der Einsamkeit die Werte der Familie zu schätzen lernt und Erlösung erfährt, als es gefunden und aufgenommen wird, dient dem Film als wiederkehrende Allegorie. So ergeht es dem genetisch auf Zerstörung und Chaos programmierten Stitch, der solange Zerstörung und Chaos anrichtet, bis er die Werte der Familie zu schätzen gelernt hat und Erlösung erfährt, indem er von der lieben Lilo gefunden und aufgenommen wird.
Und so soll es auch der Zuschauer machen: Zerstörung und Chaos, also anarchistische Parodien wie
Shrek und
Lilo & Stitch, sind nicht gut, machen zynisch und einsam, der Zuschauer soll die Werte der Familie, der Disney-Familie, lernen und verstehen und akzeptieren und dadurch Erlösung erfahren, dann wird er gefunden werden, und dieser Film ist das Angebot, ihn wieder aufzunehmen. Damit beim nächsten Mal wieder alles beim Alten ist; damit die Zeit der Krise, der Revolution, des Bruches, der Anarchie und des Chaos endlich ein Ende hat. In dieser Hinsicht ist
Lilo & Stitch das brillanteste Stück Gehirnwäsche, das mir je untergekommen ist.