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Curd Jürgens in Helmut Käutners Des Teufels General (1955)

Wer ist Helmut Käutner?

Ein Erinnerungsabend zum 100. Geburtstag in der Akademie der Künste

Von Dietrich Brüggemann Die Deutschen, die Deutschen. Schätzen ihre größten Köpfe immer erst nach deren Tod und auch dann nicht immer. Es gab Zeiten, da feierte Helmut Käutner mit Filmen wie Die letzte Brücke, Der Hauptmann von Köpenick oder Die Zürcher Verlobung große Erfolge nicht nur in Deutschland, und doch war er nie so richtig mittendrin. Unter den Nazis konnte er zwar irgendwie arbeiten, aber einerseits nicht so, wie er wollte, und andererseits konnte man ihm hinterher zur Last legen, daß er unter den Nazis überhaupt arbeiten konnte. Später gelangen ihm die genannten Kinoerfolge, aber ebensoviel gelang ihm nicht. Er hatte immer den Ehrgeiz, eigenwillige Projekte auf die Beine zu stellen, er probierte vieles aus, was erst später Mode wurde, und mußte doch mit ansehen, wie das Publikum vor allem Heimat-, Lümmel- und Försterfilme sehen wollte. Dann, als in den 1960er Jahren die Jungfilmer kamen, gehörte er auf einmal zum alten Eisen. Er war Teil von Opas Kino. Seine Filmkarriere verlief sich, er arbeitete bis zu seinem Tod fürs Fernsehen und als Schauspieler. Heute weiß kein Mensch mehr, wer Helmut Käutner eigentlich war. Und ob er nicht eigentlich schwul oder mindestens bi war, weiß man auch nicht so genau.

All diese Fragen tauchen auch im halbstündigen Film von Marcel Neudeck auf, der zum Anlaß von Käutners 100. Geburtstag in der Berliner Akademie der Künste gezeigt wurde. Neudeck trat zunächst vors Publikum und versicherte glaubwürdig, er habe sich sein Sujet nicht danach ausgesucht, wer in nächster Zeit runde Geburtstage feiern würde – und in dem Fall hätte er auch einen vielversprechenderen Kandidaten finden müssen. Er mußte eine ganze Weile mit seinem Projekt von Tür zu Tür laufen, bis er eine Produktion gefunden hatte, und mit der ging er dann wieder Klinken putzen, bis sich endlich ein Sender bereitfand, den Film zu finanzieren, allerdings nur als Halbstünder. So wirkt der Film etwas gedrängt – wobei schon wieder erstaunlich ist, wieviel Information man in einer halben Stunde dann doch unterbringen kann. Interviews, Filmausschnitte, Atze Brauner und Hardy Krüger, in einer halben Stunde zieht ein Leben am Zuschauer vorbei, und doch bleiben viele Fragen offen.

Dann tritt Hardy Krüger persönlich auf die Bühne. Was er jetzt erzählt, hat gar nicht mal so viel mit Käutner selbst zu tun, es ist eher ein Rückblick auf die Höhen und Tiefen eines Künstlerlebens in der Nazizeit und danach. Krüger, der als 15jähriger für den Hitlerjugendfliegerpropagandafilm Junge Adler entdeckt wurde, erzählt, wie ihm durch den Kontakt mit den Leuten beim Film die Augen geöffnet wurden und seine jugendliche Hitlerbegeisterung sich in aufrechte Abscheu verwandelte. Der Mensch, der ihn damals vor allem beeinflußte, war allerdings nicht so sehr Helmut Käutner, sondern der Schauspieler Hans Söhnker (der erbitterter Nazigegner war, der unter gewaltigem Risiko Juden zur Flucht verhalf, wodurch ihn die Gestapo immer wieder auf dem Kieker hatte, der nach dem Krieg dann ganz normal weiter Karriere im normalen deutschen Unterhaltungsgewerbe machte und sich am Ende doch wünschte, man möge seine Urne außerhalb der Drei-Meilen-Zone, also außerhalb Deutschlands, in der Ostsee versenken). Aufrechte Abscheu gegen die Nazis trägt Hardy Krüger auch heute noch in sich, und es ist gleichermaßen einnehmend wie rührend, wenn er auf der Bühne verlangt, das Fernsehen müsse Käutners Filme wieder mehr zeigen, um rechtsradikalen Tendenzen in unserer Gesellschaft entgegenzuwirken.

Krüger berichtet von der gemeinsamen Arbeit an der Hamlet-Adaption Der Rest ist Schweigen, 1959 war das, dann beendet er das Gespräch einigermaßen abrupt und hält am Bühnenrand aber doch noch mal inne, um sich seinen verdienten Applaus abzuholen.

Es bleiben gemischte Gefühle. Man hätte vor allem gern mehr erfahren über Helmut Käutner, denn man wird das Gefühl nicht los, daß hier jemand zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist – und daß diese Vergessenheit symptomatisch ist für den Kulturbegriff der Deutschen, in dem die intelligente Unterhaltung, das Brückenschlagen zwischen Unterhaltung und Kunst, schon immer einen schweren Stand hatte. Was ja übrigens auch ein Problem der deutschen Popmusik ist, daß sie nämlich meistens entweder bleischwer und ungenießbar oder aber hoffnungslos bescheuert ist, daß hierzulande niemand die nonchalante Leichtigkeit der Amerikaner oder Engländer hinkriegt – das ist beim deutschen Film ganz ähnlich, und genau da liegt die Lücke zwischen den Stühlen, in die Helmut Käutner sich gesetzt hat und in der er bis heute verschwunden ist. Käutners Filme waren unterhaltsam, aber sie hatten beileibe nicht die empörende Dämlichkeit dessen, was wir heute unter »Opas Kino« verstehen. Seine persönlicheren Arbeiten waren Kunstwerke von eigenem Rang, aber sie hatten nie die tranige Trampeligkeit, die viele Werke des damals jungen deutschen Films heute so ungenießbar macht. Vielleicht war Käutner fünfzig Jahre zu früh dran, denn heute erscheint alles offener, internationaler und nicht mehr so vergiftet von den Leichen der Nazis, die Nachkriegsdeutschland jahrzehntelang im Keller hatte. Vielleicht hätte er nach Amerika gehen sollen – aber dort war er ja und ist zurückgekehrt. Vielleicht sollte man einfach seine Filme mal wieder irgendwo zu sehen bekommen. Vielleicht könnte man die guten alten 68er und ihre langhaarigen Jungfilmer bei aller Liebe mal ein Stück zur Seite rücken und nachschauen, was es vor ihnen alles gab. Wenn nämlich jemand sich breitbeinig hinstellt und alles, was vor ihm da war, für tot erklärt, hat er oft Unrecht. Wenn aber jemand sich zu einer Zeit, in der sehr viel von Dialektik geredet wird, in seinem eigenen Film hinstellt und sagt: »Ich finde es ja nicht gut, wenn Regisseure in ihren eigenen Filmen mitspielen« – dann ist allein das schon interessant.
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