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Die Zigarette im Eröffnungsbild von Martin Scorceses Die Farbe des Geldes

Schall und Rauch, Teil 2

Eine Phänomenologie des Rauchens im Film

Von Daniel Bickermann Nachdem der erste Teil dieses Essays die geschlechter- und genrespezifischen Konnotationen des Rauchens im Film untersuchte, will die Fortsetzung nun die Phänomenologie des Rauchens unter anderem mit der Frage nach Macht und Ohnmacht der Raucher, der Bedeutung der Zigarette an sich und der Entscheidung »Rauchen oder Nichtrauchen« abrunden.

Macht und Ohnmacht der Raucher

Von den Antihelden des Film noir, mit denen der erste Teil dieses Essays geschlossen hatte, ist es nur ein kleiner Schritt zu den Bösewichten, und in Sachen blauem Dunst stehen sie den Antihelden in nichts nach. Schon als reine Gesinnungssymbole für charismatische Schurken sind Zigaretten immer sehr beliebt, wobei die Grenzen verschwimmen zwischen den Sozial-Anarchisten wie Brad Pitt in Fight Club (dessen restbürgerliches Alter ego Edward Norton bemerkenswerterweise nicht raucht) und den psychopathischen Gangstern wie Gary Oldman in Leon – Der Profi oder Ben Kingsley in Sexy Beast (der ja sogar eines Flugzeugs verwiesen wird, weil er seine Zigarette partout nicht ausmachen will).

Eine wichtigere Untergruppe als diese Hobbygangster oder Auftragsverbrecher stellen aber die rauchenden Macht- und Befehlshaber dar, die Kriegsgeneräle, Bond-Bösewichte, Industriebosse und Unterwelt-Größen. Womit wir auch schon beim Rauchen von Zigarren wären, die im Gegensatz zu den Zigaretten der Kleinganoven und den Zigarillos der Western-Antihelden zwar größeren gesellschaftlichen Status, aber nicht selten die gleiche moralische Verwerflichkeit symbolisieren. So hat die Darstellung des Gangsterbosses mit Zigarre durchaus eine lange Tradition (man denke an Albert Finney in Miller’s Crossing, der noch schnell seinen Stumpen in den Mundwinkel schiebt, bevor er höchstpersönlich in Bademantel und Pantoffeln mit seinem Maschinengewehr auf Rachefeldzug geht; auch Tony Soprano, die moderne Ikone des Mafiapaten, zündet sich gerne mal eine Zigarre an). Die perfekte Synthese zwischen dem nervös an der Kippe ziehenden Kleingangster und dem lässig paffenden Mastermind des Verbrechens hat natürlich Kevin Spacey in Die üblichen Verdächtigen auf die Leinwand gebracht: Als vermeintlicher Krüppel zementiert sein ungelenkes Rauchen mit der Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger bei eingedrehter Hand (so daß die Handfläche zum Kinn zeigt) sowie seine Unfähigkeit, sich selbst mit einem Klappfeuerzeug eine Zigarette anzuzünden, seinen Status als kleiner Fisch in der Verbrechenswelt – die finale Transformation wird vor allem anhand eines goldenen Feuerzeugs und der neugewonnenen Fähigkeit des Charakters, sich selbst Feuer zu geben, gezeigt.

Und da in unserer Medienwelt der moralischen Ambivalenz die Genregrenzen zwischen Mafiakrimi und Familiendrama ebenso verschwimmen wie zwischen Polizei-, Kriegs- und Liebesfilm, findet man dieselben Archetypen über alle Genregrenzen hinweg. So bleibt der arrogant rauchende, brutale Befehlshaber nicht nur auf das Krimigenre beschränkt, sondern findet Entsprechungen im Familiendrama (zum Beispiel Burt Reynolds als ersatzväterlicher Porno-Großmogul mit Zigarre in Boogie Nights oder Henning Moritzen als Familienpatriarch und Vatermonster in Das Fest, der allerdings, seiner Erbärmlichkeit eher angemessen, nur nervös Zigarette raucht), im kapitalismuskritischen Western (unsterblich wurde das Bild des herzlosen Robert Mitchum mit Gewehr und Stumpen vor einem Gemälde von sich selbst mit Gewehr und Stumpen in Dead Man) und in der schwarzen Komödie (Paul Newman in Hudsucker sei hier stellvertretend für alle fiesen Firmenbosse erwähnt: Er pafft den ganzen Film über und reicht schließlich dem frisch beförderten Tim Robbins ebenfalls eine Zigarre – als Zeichen des Aufstiegs, aber auch als Symbol der bevorstehenden moralischen Korruption des jungen Charakters). Auch bei diesen zumindest gesetzlich legitimen (Vater-)Figuren zeigt das Rauchen nicht nur den gesellschaftlichen Status, sondern auch gleich eine gewisse moralische Hintertriebenheit, ohne die man es gar nicht zu diesem Status gebracht hätte. Angemerkt sei noch, daß dieser Typus des Machtrauchers tatsächlich über alle Genregrenzen hinweg fast immer männlich ist: Intrigante weibliche Firmenbosse wie Sigourney Weaver in Die Waffen der Frauen oder brutale Mutterfiguren wie Kathy Bates in Misery rauchen so gut wie nie und Zigarre schon gar nicht.

Und schließlich ist dieselbe unmoralische Autoritätsfigur natürlich auch im Kriegs- und Militärfilm zu Hause: Kaum ein beinharter Befehlshaber, der nicht auf einer dicken Zigarre herumkaut. Meist sind diese Figuren ebenso moralisch korrupt wie die oben aufgeführten Vaterfiguren oder Kapitalisten, auch wenn Größenwahn und Soziopathie im Kriegsfilm natürlich wesentlich radikalere Folgen haben (man denke hier vor allem an die Befehlshaber-Parodie durch Sterling Hayden als psychotischer General Jack D. Ripper in Dr. Seltsam, der zwar penibel auf die Reinheit seiner Körpersäfte achtet, aber trotzdem auf einem ordentlichen Stumpen herumbeißt; auch Jack Nicholson als Chauvinisten-General in Eine Frage der Ehre verbindet Zigarrerauchen mit einer provokativen Nichtachtung menschlichen Lebens). Und da selbst die integren Militärführer allein durch ihre tödliche Berufsausübung stets als moralische Un- oder Übermenschen außerhalb gesellschaftlicher Normen dargestellt werden (und da die Lebenserwartung der Figuren eine Krebserkrankung ohnehin nebensächlich erscheinen läßt und die Zigaretten somit auch keinen echten Schaden anzurichten scheinen), kann der Kriegsfilm wohl als einziges Genre gesehen werden, in dem das Rauchen zwischen Bösewicht und Helden gleichberechtigt und ohne Unterschiede in Attitüde oder Haltung stattfindet: Ikonischer Vorreiter für den zigarrerauchenden, moralisch zwielichtigen, aber integren Übergeneral wurde natürlich George C. Scott in der Titelrolle von Patton, der nicht nur bei George Peppards Renegaten-General im »A-Team« Pate stand. Den vielschichtigsten Raucher im Kriegsfilm gibt dagegen Willem Dafoe in Platoon, der als Anführer, Vaterfigur, Sergeant und effektiver Einzelkämpfer nicht nur alle oben aufgeführten Kriterien erfüllt, sondern auch einige der im ersten Teil angesprochenen Homosexualitätskonnotationen: Das von ihm mit seinen Soldaten in dunklen Tanzschuppen halbnackt betriebene »hitting«, das Blasen des Rauches in den Mund des Gegenübers, ist ein weit verbreiteter Topos im schwul-lesbischen Film. Daß in diesem Fall der Lauf eines Gewehrs dazu benutzt wird, schafft einen echten Präzedenzfall: eine äußerst seltene direkte Brücke zwischen Militär und Homosexualität im Film.

Und wenn man vom Militarismus und der Macht der Raucher redet, darf natürlich die Darstellung der Nazis im Film nicht fehlen, die per definitionem ständig zu rauchen scheinen (ein einprägsames Beispiel ist Ralph Fiennes in Schindlers Liste, der als Morgensport im Unterhemd bei der ersten Zigarette des Tages vom Balkon seiner Villa herunter jüdische Gefangene abknallt; aber auch Gary Oldman als gestiefelter und gescheitelter Futuristik-Hitler in Das fünfte Element oder Ian McKellen als Nazi-Richard III. kommen in den Sinn). In der Stil-Rubrik muß noch angemerkt werden, daß man gerade beim Betrachten der propagandistisch angehauchten Weltkriegsfilme aus Großbritannien und den USA eine kuriose Beobachtung machen kann: Nazis in solchen Filmen rauchen erstaunlich oft mit einer besonders fies aussehenden Eigenart, bei der die Zigarette zwischen Ring- und Mittelfinger steckt, so daß sie ihre gesamte Hand über dem Gesicht haben, wenn sie ziehen. Sieht sofort sehr böse aus.

Paradoxerweise kann das Rauchen aber genausogut auch als Zeichen finanzieller und gesellschaftlicher Ohnmacht eingesetzt werden. Wann immer zum Beispiel eine Welle des filmischen »Realismus« anrollt (sei es im Zuge der Nouvelle Vague, des italienischen Neo-Realismus, des deutschen Autorenfilm oder der britischen Sozialdramen der 1980er und 90er), wird in der Arbeiterklasse wieder viel geraucht. Als zwei deutsche Beispiele von rauchenden Sozialverlierern dienen Gottfried John in Acht Stunden sind kein Tag und Jörg Schüttauf in Berlin is in Germany, aber auch bei gesellschaftsbewußten Regisseuren wie Mike Leigh, Aki Kaurismäki oder John Cassavetes wird gerne und viel geraucht. Diese Figuren unterscheiden sich grundsätzlich von den bisherigen Beispielen: Die meisten der bisher aufgeführten Raucher zeichnen sich durch Macht aus, sei es die sexuelle Macht der Femme fatales, die politische oder finanzielle Macht der Patriarchen und/oder die Waffe in der Hand der Outlaws und Verbrecher. Diese hier sind machtlos und rauchen darauf erstmal eine.

Die Zigarette und ihre Bedeutung

Manchmal braucht man den Menschen an der Zigarette gar nicht – das Bild des Glimmstengels hat längst auch allein seine symbolischen Konnotationen erfahren. Gerade als Eröffnungsshot dient die Zigarette gerne als Milieu-Markierung: Im ohnehin sehr rauchintensiven Mel-Gibson-Thriller Payback beispielsweise besteht das erste Bild aus einer Zigarette, die in einem heillos überfüllten Aschenbecher ausgedrückt wird. Man merkt gleich: Das hier wird ein dreckiger Film. Martin Scorsese macht es da noch raffinierter: Sein Billardfilm Die Farbe des Geldes eröffnet mit einem minutenlangen »Stilleben« aus Bier, Zigarette und Aschenbecher, und während die herrenlose Zigarette langsam herunterglimmt, erklärt ein Voice Over die Regeln fürs 9er-Pool-Billard. Die Zigarette ist hier nicht nur Ankündigung der zwielichtigen Halbwelt, in die sich der Film hinabbegeben wird, sondern funktioniert auch als moderne Sanduhr: Die Regeln fürs 9er-Pool sind schnell erklärt, will dieses Bild uns sagen, und doch, wie die letzten Worte des Voice Over verraten, ist das Gewinnen in diesem Spiel keineswegs einfach.

Außer ihres ästhetischen Werts und der oben bereits ausführlich besprochenen sexuellen Konnotation hat die Zigarette in Filmen eine Vielzahl von Bedeutungen: In Wild at Heart beispielsweise symbolisiert der mit Sicherheit größte Close Up einer angezündeten Zigarette der Filmgeschichte auf gigantischer Breitleinwand und mit dröhnendem Knistern das ewige Feuer, das für Lynch ja ohnehin eine besondere Bedeutung zwischen Leidenschaft und alles verschlingendem Wahnsinn hat. In Gefängnisfilmen dagegen ist die Zigarette Währung und Tauschmittel, sie ist aber auch der berühmte letzte Wunsch des todgeweihten Mannes (Woody Allen lehnt sie in Die letzte Nacht des Boris Gruschenko noch heldenmutig ab, Dennis Hopper erhält sie in seiner beeindruckenden letzten Szene in True Romance).

Vor allem aber ist eine Zigarette im Film immer auch eine Waffe. In zahllosen Filmen (Die üblichen Verdächtigen, Zwei glorreiche Halunken und Payback sollen hier nur stellvertretend genannt werden) werden, dient die Zigarette als Anzünder für eine Kanonenlunte und Benzinspur. Vor allem die beiden rauchsymbolisch verwandten Filme Payback und Die üblichen Verdächtigen sollten hier näher beleuchtet werden: Nicht nur dient in beiden Filmen die Zigarette des Protagonisten als Explosionsauslöser, in beiden Werken fragen nichtsahnende Schurken sich gegenseitig auch noch kurz vor dem großen Knall nach Feuer. Die sarkastische Antwort des Films, idealerweise exakt im Moment des Feuerzeugaktivierens, wirkt dann natürlich komisch im Bachtinschen Sinne: Man hofft auf eine kleine Flamme und kriegt einen gigantischen Feuerball. Der vermeintliche Zusammenhang, der hier zwischen Zigaretteanzünden und Explosion gemacht wird, könnte natürlich auch als zynischer Kommentar auf die Gefahren des Rauchens gelesen werden.

Die Zigarette als Waffe kann aber auch ganz direkt und unvermittelt eingesetzt werden: Arnold Schwarzenegger bekommt in Terminator 2 sogar eine recht dicke Zigarre auf der nackten Brust ausgedrückt, was die Kampfmaschine allerdings eher kalt läßt. In Die üblichen Verdächtigen schließlich dient eine Zigarette auch als Wurfgeschoß, das Stephen Baldwin am Auge trifft und diesen nicht zu unrecht leicht echauffiert. Und wie bei allen gefährlichen Waffen im Film fehlen natürlich auch nicht die Hinweise, bitte keine kleinen Kinder und Idioten damit herumspielen zu lassen: Die absurdeste Zigarette der Filmgeschichte wird wohl in Zoolander geraucht, als eines der männlichen Supermodels meint, sich gerade in dem Moment eine Kippe anzünden zu müssen, da seine Freunde um ihn herum in einen lustigen Zapfpistolenkampf mit jeder Menge Benzin an einer Tankstelle beschäftigt sind…

Übrigens läßt sich nicht nur durch Art und Form der Zigarette oder durch Mimik und Gestik beim Rauchen Rückschlüsse auf den Charakter des Rauchers ziehen, sondern auch anhand des ausgestoßenen Rauchs. In unzähligen Filmen dient der verächtlich ins Gesicht des Gegenübers geblasene Rauch als Provokation und Demütigung: Karen Allens erster Auftritt in Jäger des verlorenen Schatzes ist nur ein berühmtes Beispiel unter vielen (um die sexuelle Konnotation des »hitting« wieder aufzunehmen, könnte man daraus vielleicht sogar eine sexuelle Beleidigung konstruieren). In Sexy Beast geschieht das genaue Gegenteil: der Rauch als Liebesbeweis. Der sympathische Aussteiger Ray Winstone bläst einen Rauchring seiner tanzenden Geliebten entgegen, der sich zu einem »Rauch-Herz« verdreht, durch das wir die Schönheit in Zeitlupe zu romantischem Rumba tanzen sehen. Außerdem in diesem Zusammenhang zu erwähnen ist das Rauch-Schiff, das Ian McKellen in Der Herr der Ringe – Die Gefährten bläst, das aber wohl ausnahmsweise nichts weiter als die übermenschlichen Fähigkeiten Gandalfs symbolisiert.

Rauchen oder Nichtrauchen, das ist hier die Frage

Die Grenzen zwischen Rauchen und Nichtrauchen sind manchmal fließend; vor allem, wenn es darum geht, was denn eigentlich geraucht wird. Das Kiffen im Film (zu dem es zwischen den Cheech und Chong-Filmen und ihren modernen Entsprechungen wie Ey Mann, wo is mein Auto? unzählige Beispiele gäbe) soll hier wie eingangs schon erwähnt, nicht mit einbezogen werden, schließlich sind die Deutungen des Drogenrauchens im Film so komplex, daß sie einen eigenen Artikel rechtfertigen würden: Sie reichen von Film-noir-Zitat (Jeff Bridges in der versteckten Marlowe-Parodie The Big Lebowski oder Peter Weller als Traum-Marlowe in dem Drogen-Panorama Naked Lunch) über reine Komik (Harold und Kumar sowie die oben genannten Kifferklassiker, aber auch Robert De Niro in Jackie Brown) bis zur freudianischen Rückwünschung in den fötalen Zustand, wenn man Dennis Hoppers legendären Auftritt in Blue Velvet mitzählen möchte (bei dem man zwar kaum noch vom Rauchen im traditionellen Sinn sprechen kann, aber zumindest inhaliert er, was auch immer es sein mag).

Aber meist spielt sich der Konflikt weniger zwischen dem Rauchen von Zigaretten und anderen Drogen ab, sondern tatsächlich zwischen dem Tabakrauchen als Sucht und dem Verzicht darauf. So landet man bei Filmen, die von Raucher-Ersatzhandlungen geprägt sind – meist in kulinarischer Form und unbedingt komödiantisch: Man denke nur an Lethal Weapon 3, wo Mel Gibson (vergeblich) versucht, sich das Rauchen abzugewöhnen, indem er auf Hundekuchen herumbeißt. Brad Pitt verbringt in Ocean’s Eleven praktisch keine Szene, ohne irgend etwas von der Hand in den Mund zu führen, gegen Ende des Films hat man ihn sieben oder acht verschiedene Finger-Snacks mampfen sehen. In The Royal Tenenbaums lutscht Gwyneth Paltrow einige Szenen lang an einem hohlen Plastikröhrchen herum, das ihr den Entzug erleichtern soll, bevor sie beschließt, das Rauchen wieder zu beginnen. Faszinierend ist dabei, daß man durch Rauchersatzhandlungen dieselben Konnotationen hervorrufen kann, die sich auch durch das Rauchen ergeben: In den Royal Tenenebaums stellt Paltrow zu ihrem heimlichen Liebhaber Luke Wilson durch das zeitgleiche Ziehen an den Zigaretten, das einen ersten vorsichtigen Kuß der beiden symbolisiert, ebenso effektiv Nähe her wie Philip Seymour Hoffman in Magnolia, wenn er Jason Robards vorspielt, er würde ihm eine Zigarette anzünden und in die Hand geben: Die gleiche Nähe kann man also auch ganz ohne Zigarette haben. Ebenso die Bedrohlichkeit: Joe Pescis finsterer Charakter in Casino wird ebenso spürbar, obwohl er nur unentwegt auf einem Zahnstocher herumkaut, den er im Mundwinkel hat (vielleicht ein Zeichen für den hierarchischen Abstand zu seinem Boß Robert De Niro, der noch stilecht raucht). Und auch das sexuelle Element funktioniert ebensogut in Ersatzhandlungen wie dem vergleichbaren Trinken durch einen Strohhalm zum Beispiel durch Uma Thurman in Pulp Fiction.

Die eigentliche Frage nach dem Rauchen oder Nichtrauchen stellt sich aber natürlich für die Filmemacher. Schon zu Beginn des ersten Teils dieses Essays habe ich einige Gründe gegen das Rauchen auf der Leinwand genannt – die Continuity zum Beispiel oder den Widerstand der Schauspieler. Angesichts einer zunehmend potenten Anti-Rauch-Lobby in den USA erwägen manche Drehbuchautoren auch schon einen vorauseilenden Gehorsam. Auf dem Director’s Commentary zum ersten Teil seiner Herr der Ringe-Verfilmung berichtet Peter Jackson beispielsweise, daß in einer frühen Drehbuchfassung Gandalf das Rauchen aufgehört hatte und sich während der Handlung mit dem Entzug herumquälte. Und im Cast-Commentary zum dritten Film schließlich erklärt Gandalf-Darsteller McKellen, daß es »lots of anti-smoking propaganda« in den Filmen gäbe und nennt als Beispiel das übermäßige Husten Gandalfs in einer Nachtszene in Minas Tirith. An einer Stelle im dritten Film ermahnt Merry seinen Hobbitfreund Pippin: »Du rauchst zu viel.«

Häufiger aber ist es das Studio, das dem Rauchen im Film feindlich gegenübersteht. Angesichts einer wiedererstarkten christlichen Rechten in den USA und zahlreicher selbsterklärter Elterngruppen, die Studios und Fernsehsender wegen der Darstellung von Sexualität, Gewalt und eben auch Tabakkonsum zunehmend unter Druck setzen, ist das Rauchen im Film längst auch zur wirtschaftlichen Frage geworden. Es gibt aber auch ideologische Bedenkenträger: Jeffrey Wigand, das Vorbild zum Russell-Crowe-Charakter in The Insider, gab seine Zustimmung zu der Verfilmung seiner Geschichte nur unter der Bedingung, daß im ganzen Film kein einziger Charakter beim Rauchen gezeigt werden dürfe (was thematisch ja auch angemessen war).

Und trotzdem gibt es unter den Filmemachern noch immer vehemente Verfechter des Rauchens auf der Leinwand. Es sind vor allem die Nostalgiker wie Jim Jarmusch oder Wayne Wang, die dem neuen Amerika, das sehr restriktiv gegen Raucher ist, skeptisch gegenüberstehen und in ihren Filmen regelmäßig das Rauchen zelebrieren, zum Beispiel in Smoke und Blue in the Face (wo sich Jarmusch auch selbst die Ehre gibt, auf der Leinwand über seine Rauchleidenschaft zu sprechen) oder im programmatisch betitelten Coffee and Cigarettes. Auch der ewige Filmreaktionär Clint Eastwood demonstriert immer wieder einen liebevollen Umgang mit rauchenden Figuren – die auch bei ihm in Konflikt mit einer verständnislosen, gefühlskalten Moderne stehen. Überhaupt ist Nostalgie noch immer der größte Feuerspender der Filmgeschichte: Da in früheren Kino-Epochen deutlich mehr geraucht wurde, wird das Rauchen im Film auch von der Beziehung bestimmt, die der Regisseur und sein Film zu diesen früheren Epochen hat. Bestes Beispiel ist die Indiana Jones-Reihe, in der unheimlich viel geraucht wird – weil das in den Action-Serials der 1930er und 40er Jahre und in anderen Vorbildern wie Der Schatz der Sierra Madre, auf die diese Filme eine Hommage sind, natürlich auch so war. Ähnlich verhält es sich mit der rauchenden Sean Young in Blade Runner – eine der klassischen Femme fatales des Neo-Noir, in einem Film, der sich ganz klar als Nachfolge der Bogart-Detektivklassiker sieht, obwohl er in ferner Zukunft spielt. Aber es braucht schon einen wahren Rauchfanatiker, damit im Science Fiction-Genre mal die Zigaretten herausgekramt werden; schließlich soll sich die Menschheit ja weiterentwickelt und solche Nicklichkeiten längst hinter sich gelassen haben, zumal gerade an Bord von Raumschiffen das Rauchen äußerst leichtsinnig wäre (man stelle sich einen rauchenden Star Trek-Kapitän vor: undenkbar!). Als einer der ersten nahm Woody Allen diese Konvention hoch, als er seinen Schläfer im 25. Jahrhundert aufwachen ließ, wo man ihm prompt erklärte, daß laut neuester Gesundheitsforschung Sahnetorten und Hähnchenkeulen der Gipfel des körperbewußten Essens wären, und er solle sich zur Beruhigung doch erstmal eine Zigarette anzünden, die wäre schließlich sehr gesund. Luc Besson geht da einen anderen Weg und erlaubt sich in seinem SciFi-Spektakel Das fünfte Element den typisch europäischen Spott an der Schadensminimierung: In seiner Zukunftsvision wird natürlich immer noch geraucht, nur bestehen die Zigaretten inzwischen zu 80% aus Filtern.

Das wichtigste Beispiel der »Rauchen oder Nichtrauchen«-Frage ist aber mit Sicherheit Alain Resnais' erstaunliches, fünfstündiges Filmexperiment Smoking/No Smoking, das (nach einem Theaterstück von Alan Ayckbourn) in zwei Teilen mit paralleler Handlung erklärt, wie sich eine Geschichte weiterentwickelt hätte, wenn die Hauptperson an einer bestimmten Stelle zur Zigarette gegriffen oder es eben gelassen hätte. Selten war der Griff zur Zigarette so schicksalhaft. Aber es ist erneut der Raucherfilm Payback, der auf der Frage nach Rauchen oder Nichtrauchen den vielleicht schönsten Raucher-Dialog der Filmgeschichte findet: Nachdem Gibson seinen Erzfeind angeschossen und nach Informationen ausgepreßt hat und als dieser hilflos stöhnend am Boden liegt, fragt Gibson ihn, ob er Feuer habe. Der andere tastet seine Taschen ab, zuckt dann mit den Schultern und verneint. Gibson schaut ihn lange an, sagt dann kalt: »Wofür brauch ich dich dann noch?« – und erschießt ihn einfach. Da soll noch mal einer sagen, Rauchen im Film wäre keine Sache von Leben und Tod.
 
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