Der Fantasyfilm im Zeitalter seiner technischen Machbarkeit
Ein Kommentar zu aktuellen Verfilmungstrends
Von Nils Bothmann
Bereits in früheren Jahrzehnten, zuletzt in den 1980ern, hatte der Fantasyfilm eine Hochzeit, doch selten traute man sich an Romanverfilmungen heran. Stattdessen verarbeitete man lieber Kurzgeschichten wie im Falle von
Conan – Der Barbar, wilderte sich durch die griechische Mythologie wie in
Kampf der Titanen oder stellte einfach eigene Projekte auf die Beine. Eine Adaption von »Der Herr der Ringe« wagte man nur als Zeichentrickvariante – und selbst das nicht komplett. Seit 2001 ist jedoch ein neuer Boom des Genres im Kino zu verzeichnen, und kaum ein groß angepriesener Fantasyfilm kommt ohne Buchvorlage aus. Dies hat sicherlich mehrere Gründe. Die sich stets weiterentwickelnden CGI-Effekte ermöglichen werkgetreue Umsetzungen, wie sie in den Zeiten von Stop-Motion-Animationen und Pappmaché-Tricks nicht möglich waren, des weiteren sorgten J.K. Rowlings »Harry Potter«-Bücher für eine Renaissance des zuvor wenig beliebten Genres. Hinzu kommt noch der wirtschaftliche Faktor, da Warner 2001 mit dem ersten
Harry Potter- und dem ersten
Herr der Ringe-Film zwei der größten Blockbuster des Jahres in petto hatte und keiner der Konkurrenten hintanstehen wollte.
Also griff man auf verschiedene Romanvorlagen zurück, womit – wenn ein Stoff aus einem Medium in ein anderes transferiert wird – das Problem des Medienwechsels evident wird. Das heißt, der Regisseur muß Worte in Bilder umsetzen, muß gegebenenfalls weglassen, hinzufügen, ändern und sich dabei zudem durchgehend der Tatsache stellen, daß jeder Leser bereits längst seine eigene Vision des Stoffes im Kopf hat. Wie gegensätzlich diese Visionen dabei ausfallen können, zeigt das Beispiel von Stephen Kings »The Shining«: Der Autor höchstselbst war ausgesprochen unzufrieden mit Stanley Kubricks
Shining, der das Buch frei adaptiert und ein gänzlich anderes Finale präsentiert hatte und es damit immerhin in den Stand eines Klassikers gebracht hat. Die von Stephen King schließlich 1997 überwachte TV-Produktion
Stephen King's The Shining hingegen hielt sich weitaus enger an das Buch, wurde aber von Publikum und Kritik weitaus weniger wohlwollend aufgenommen.
Derartige Kontroversen begleiten nicht selten vornehmlich größere Verfilmungen von Weltliteratur – der eher für Kinder und Jugendliche gedachte Fantasyroman scheint sich sonst weniger Vorwürfen aussetzen zu müssen. In diesem Zusammenhang ist es nicht ohne Ironie, daß gerade Peter Jacksons ziemlich werkgetreue Umsetzung des »Herrn der Ringe« häufig ob geringfügiger Abweichungen kritisiert wurde, obwohl sich Jackson des Medienwechsels mit sehr viel Sachverstand annahm. Schließlich ist es unmöglich, den kompletten Stoff der Tolkien-Bücher in drei Filme zu packen, auch bei Überlänge und einer Extended Version auf DVD nicht. Im folgenden sollen jedoch weitere, populäre Fantasyfilme im Hinblick auf die Adaption der Vorlage und daraus resultierende Probleme betrachtet werden.
Die Chroniken von Narnia
Betrachtet man die aktuellen Fantasyadaptionen, so sind die
Narnia-Filme die einzigen Werke, die eine ähnliche literarische Tradition wie
Der Herr der Ringe vorweisen können. Mag ein Roman neueren Datums auf eine kleinere Leserschaft blicken können, so kann sich bei einem älteren Werk ein Problem der Überalterung ergeben. C.S. Lewis' »Narnia«-Saga ist sicherlich so ein Fall, da sie sich in den Zeiten der Playstation-Generation eher als Literatur für die ganz Kleinen eignet. Um den Blockbuster-Appeal zu wahren, strichen die Macher allerdings den übertrieben knuddeligen Ton so gut es ging – in
Die Chroniken von Narnia – Der König von Narnia scheint er jedoch immer noch auf ungute Weise durch und beißt sich mit der Darstellung einiger Schlachtgetümmel.
Gleichzeitig erwies man sich bisher als selektiv im Verfilmen der untereinander eher lose zusammenhängenden Romane. Daß man »The Magician's Nephew«, den ersten, recht handlungsarmen Band, wegließ und stattdessen zu »The Lion, the Witch and the Wardrobe« überging, ist sogar verständlich. Gleichzeitig hatten dessen Hauptfiguren, die vier Pevensie-Kinder, auch mehr Appeal für die »Harry Potter«-Generation. Dies muß auch der Grund dafür sein, warum man den dritten »Narnia«-Roman »The Horse and his Boy« nicht verfilmte, da dieser filmisch gut umzusetzen gewesen wäre, aber mit komplett anderen Hauptfiguren daherkam. Angesichts der Einspielergebnisse mag die »Harry Potterisierung« des Kinderbuchklassikers fruchten, dem Werk gegenüber wirkt es jedoch respektlos.
Harry Potter
Eine Filmversion von »Harry Potter« war angesichts des Bucherfolgs so sicher wie das Amen in der Kirche, die hohen Einspielergebnisse beinahe ebenso. Schließlich vollendete J.K. Rowling ihren Buchzyklus erst 2007, wodurch sich die Releases neuer Bücher und Filme überschnitten, sich dadurch gegenseitig pushten. Was inmitten der allgemeinen »Harry Potter«-Euphorie allerdings unter den Tisch fiel, war die Beachtung folgender Tatsache: J.K. Rowlings Bücher sind denkbar unfilmisch, was den klassischen Handlungsaufbau angeht, anstelle von Main- und Subplots gibt es mehrere nebeneinanderstehende Handlungen.
Die bisherigen Verfilmungen lösten dieses Problem unterschiedlich gut, gerade den ersten beiden Filmen merkt man deutlich an, daß man bei dem Versuch einer Werktreue die filmische Dramaturgie zu wenig beachtete. Auf einem Drehbuchseminar wurde einmal gar
Harry Potter und die Kammer des Schreckens als Negativbeispiel angeführt, da der Hauptplot (Tötung des Basilisken) zwanzig bis dreißig Minuten vor dem Abspann endete. In den folgenden Filmen wurde man dramaturgisch sicherer, doch es gesellte sich ein weiteres Problem hinzu: Der steigende Umfang der Romanvorlagen. Deshalb hatte die Saga beim fünften Film,
Harry Potter und der Orden des Phönix, erstmals ähnliche Probleme wie Peter Jacksons
Herr der Ringe-Saga. Fans mokierten, daß man aus dem längsten Buch der Reihe den bisher kürzesten Film gemacht hatte – wobei dieser Film auch tatsächlich inhaltlich unter den Auslassungen litt. Um derartiges zu vermeiden (und sicher auch: um mehr Geld zu verdienen), kündigte Warner an, die Umsetzung des letzten »Potter«-Romanes auf zwei Filme zu verteilen.
Der goldene Kompaß
Bei der Verfilmung der »His Dark Materials«-Trilogie versuchte Warner, an die Erfolge der
Harry Potter- und
Herr der Ringe-Zyklen anzuknüpfen und schlitterte dabei in ein verfilmungstechnisches Dilemma: Der klar als Trilogie angelegte Film spielte zu wenig ein. Sicher war es naiv, bei einem Roman, der nicht über eine Fanbase wie die beiden großen Fantasyfilmreihen verfügt, einen ähnlichen Erfolg einzuplanen – nun entscheidet der wirtschaftliche Faktor über die dramaturgische Rundheit des Films. Aktuell ist kein Nachfolger geplant, was den Film in seiner jetzigen Form beeinträchtigt: Ein Teil der Handlung ist abgeschlossen, gerade die letzten Dialoge verweisen jedoch sehr eindeutig auf Handlungsstränge, die erst in späteren Filmen aufgelöst werden könnten, wodurch sich eine unschöne Offenheit einstellt.
Eragon
Ein ähnliches Schicksal ereilte auch
Eragon, den Beitrag des 20th Century Fox Studios zur aktuellen Fantasywelle. Auch hier ist es fraglich, ob die Verfilmungen des zweiten und dritten Buches der Romantrilogie von Christopher Paolini jemals erscheinen werden. Im Gegensatz zu
Der goldene Kompaß ist
Eragon narrativ immerhin (ab-)geschlossener. Jedoch zeigt sich hier ein Problem des Films, der gerade im Bezug auf den Medienwechsel interessant ist. Bereits der Romanvorlage hatte man vorgeworfen, großzügig Ideen bei
Star Wars und »Der Herr der Ringe« geklaut zu haben. Bei einer filmischen Umsetzung hätte man derartige Aspekte abschwächen können, Regiedebütant Stefen Fangmeier ging jedoch den umgekehrten Weg und kopierte
Star Wars sowie Peter Jacksons
Herr der Ringe fast einstellungsgenau – ein fast durchweg negatives Kritikerecho war die Folge.
Was im Buch funktioniert, muß nicht unbedingt im Film funktionieren und umgekehrt. Jedoch sind es genau derartige Überlegungen, die viele Kommerzprodukte der Fantasywelle missen lassen. Die bescheidene Verfilmung eines Einzelromans wagte Matthew Vaughn mit
Der Sternwanderer, seiner Adaption von Neil Gaimans »Stardust«, und fuhr damit wesentlich besser als so manches Großprojekt, das mit seinen hochtrabenden Bestrebungen scheiterte. Es kann eben nicht jeder Peter Jackson sein…