Von Nikolaj Nikitin
Mit
Aimée und Jaguar entstand in Deutschland eine Filmproduktion über die dunkelste Zeit dieses Jahrhunderts, die ein individuelles Sujet ins Zentrum stellt und nicht allein die Verbrechen der Nationalsozialisten. Dabei greift sie dank dieser thematischen Verlagerung etwas vorher selten in Filmen über die NS-Zeit Reflektiertes auf: eine lesbische Liebe.
Im Falle von Max Färberböcks
Aimée und Jaguar ist es eine derart große Liebe, daß selbst die Schreckensherrschaft der Nazis sie nicht zu trennen vermochte.
Jaguar liebt Aimée, und Aimée liebt Jaguar, ohne richtig zu wissen wen und warum. Auf den ersten Blick könnte diesem Film vorgeworfen werden – genauso wie es bei
Comedian Harmonists einige kurzsichtige Kritiker gemacht haben – Vilsmaier mißbrauche die Zeit, in der er spielt, bloß als Kulisse. Es stimmt, die Taten der Nazis werden zum Nebenschauplatz degradiert. Aber eben dieser Vorwurf bietet die Möglichkeit, eine Zeit für die Kunst zugänglich zu machen, wenn sie nicht nur auf den einen Hauptaspekt reduziert wird, sondern die Geschichte einer anders gewichteten Vorlage, die nunmal eine wahre ist, zuläßt. Färberböck weiß genau um die historischen Hintergründe, drängt diese allerdings nie um ihrer selbst willen in den Vordergrund, sondern konzentriert sich auf das Spiel seiner Hauptdarstellerinnen.
Das ist wirklich grandios und setzt für Deutschland, was die weibliche Schauspielleistung und das Rollenangebot angeht, neue Maßstäbe. Maria Schrader beherrscht während jeder Szene die komplette Leinwand und entflammt mit ihrem Eros förmlich das Zelluloid. Köhler gleicht der von Dmitri Popov in »Nighthawks« für sie entworfenen Kunstfigur der Bacall. Verletzlich und doch immer stark, kompromißbereit, aber auch durchsetzungsfähig, voller Liebe, in der sie die größte Dummheit begeht.
Vieles von dem intensiven Spiel wäre ohne die akzentuierte, stark kontrastierende Kameraführung verloren. So wirkt das Gesicht der Schrader ins Dunkel der Nacht getaucht – nur Augen und Mund wahrnehmbar – wie einst die große Marlene. Bis auf den völlig deplazierten Buck wirken die Nebenrollen bis ins kleinste sorgsam besetzt, wobei besonders die Leistung von Peter Weck als redenschwingender Nazi überzeugt.
Viele werden diesem Film Vieles vorwerfen, aber eines kann nicht geleugnet werden: Er geht einen neuen Weg, und dieser ist immer voller Steine.