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Die Queen

The Queen. GB 2006. R: Stephen Frears. B: Peter Morgan. K: Affonso Beato. S: Lucia Zucchetti. M: Alexandre Desplat. P: Pathé, Scott Rudin. D: Helen Mirren, Michael Sheen, James Cromwell, Sylvia Syms, Paul Barrett u.a.
104 Min. Concorde ab 11.1.07

Portrait of a Lady

Von Sebastian Gosmann So etwas kann auch gründlich in die Hose gehen. Allein das Vorhaben, einer amtierenden Königin mittels eines fiktionalen, weitestgehend auf Recherchen und Vermutungen beruhenden, Szenarios zu Leibe zu rücken, zeugt schon von einer gehörigen Portion Wagemut – gilt es doch, eine Geschichte zu entwickeln, die sich innerhalb eines für Normalbürger nicht einsehbaren Milieus zuträgt und doch nachvollziehbar und glaubwürdig erscheinen soll. Daß sich Stephen Frears’ filmische Hypothese zudem auch noch mit einem besonders delikaten Abschnitt britischer Zeitgeschichte befaßt, macht die Sache nicht weniger heikel. Das von Peter Morgan verfaßte Drehbuch beschreibt, was sich hinter den Mauern von Balmoral Castle, einem der Landsitze Queen Elizabeths II., und des Buckingham Palace abgespielt haben könnte, nachdem das Königshaus im August 1997 mit dem tragischen Unfalltod Prinzessin Dianas konfrontiert wurde.

Während die ganze Welt ihrer Trauer in nie gekanntem Maße Ausdruck verleiht, kapseln sich die Windsors auf ihrem schottischen Schloß fast vollkommen ab von der Außenwelt. Da Diana nicht mehr Mitglied der Königlichen Familie war, sieht die Queen keinen Grund für eine öffentliche Trauerbekundung. Doch der frischgebackene Premierminister Tony Blair spürt den Unmut des Volkes, dem sich das Staatsoberhaupt durch seine ignorante Haltung aussetzt. Der Queen ist der junge, für die Modernisierung Großbritanniens stehende Politiker jedoch mehr als suspekt. Noch dazu ist dessen Frau Sherie eine bekennende Gegnerin der Monarchie. Dementsprechend frostig fällt auch der Antrittsbesuch des Paares bei der konservativen Regentin aus. Dennoch setzt Blair alles daran, den drohenden Schaden vom Königshaus abzuwenden und bleibt fortan in telefonischem Kontakt zur Queen. Zunächst noch sehr verhalten, versucht er immer entschlossener, sie zum Einlenken zu bewegen.

Der Dialog zwischen britischer Krone und Premier, zwischen Balmoral Castle und Downing Street No. 10 – letztendlich: zwischen Konservatismus und Moderne – wird dabei montiert mit zahlreichen Nachrichtenbildern und Archivaufnahmen, welche nicht nur noch einmal eindrucksvoll die damalige Zuspitzung auf politischer Ebene dokumentieren, sondern zugleich geschickt die Dramatik des inszenierten Schauspiels befördern. Immer wieder gerne wurde das britische Königshaus – mit all seinem Pomp und seiner in der heutigen Zeit zuweilen bizarr anmutenden Erhabenheit – in der Vergangenheit der Lächerlichkeit preisgegeben. Daß dies jedoch Frears’ Ansinnen nicht ist, wird in jeder Szene deutlich.

Nicht nur seine Hauptfigur behandelt er stets mit dem größtmöglichen Respekt. So können selbst im königlichen Schlafgemach Szenen stattfinden, ohne beim Publikum Verlegenheitslacher hervorzurufen. Der Film wird der Ernsthaftigkeit seines Sujets wunderbar gerecht, ohne jedoch auch nur im Ansatz humorlos zu sein. Die zahlreichen und wohl platzierten, typisch britischen Spitzzüngigkeiten Ihrer Majestät entfleuchen der fantastischen Helen Mirren mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit. Ihre gesamte Darbietung ist atemberaubend, in jeder ihrer Bewegungen schwingt ein gewisses Maß königlicher Würde mit. Und doch darf Queen Elizabeth II. ganz Mensch sein in diesem Film. Der Zuschauer geht auf sie zu, will sie verstehen lernen. Trotz ihrer allgegenwärtigen Unterkühltheit.

Stephen Frears‘ Innenansicht einer Königin ist geprägt von wohlwollender Empathie für eine außergewöhnliche Frau, die es, platt gesagt, auch nicht immer leicht hat. Ihr von Traditionen bestimmtes Leben macht es ihr nahezu unmöglich, die Bedürfnisse ihres Volkes einzuschätzen und, wenn nötig, auch mal über den königlichen Schatten zu springen. So erzählt Die Queen von der Zerrissenheit einer öffentlichen Person, deren Selbstverständnis als Staatsoberhaupt einen tiefen Einschnitt erfahren muß, deren Volk sich unerwartet gegen sie richtet; handelt sie doch stets in dem Glauben, das Richtige zu tun.

Um solch einem kühnen Projekt wie Die Queen die erforderliche Überzeugungskraft zu verleihen, ist auf jeder Produktionsebene höchste Präzision geboten. In der Tat gingen Drehbuch, Casting, Schauspiel, Set- und Kostümdesign derart gewissenhaft vor, daß sich ein in sich ein frappierend schlüssiges, authentisches Bild des Hauses Windsor und seiner Bewohner ergibt.

Und ganz nebenbei gelingt es Frears und seinem Team, so aufrichtig und gleichzeitig leichtfüßig von aristokratischen Würdenträgern und Politprominenz zu erzählen, wie es lange nicht mehr zu sehen war.

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #45.

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