Gnadenlos liebevoll
Von Dietrich Brüggemann
Es passiert nicht oft, daß man im Kino sitzt und der Film einen förmlich umhaut. Daß ein Film kommt, der einem nicht von Anfang an ins Gesicht schreit: Ich werde dich aufs Beste unterhalten, oder ich werde dir mordsmäßige Angst einjagen, oder ich bin saukomisch, oder paß bloß auf, ich bin Kunst. Daß ein Film einem gar nichts ins Gesicht schreit, sondern eine Welt eröffnet, die so eigenwillig und absurd, so wunderlich und grausig und zwingend ist, daß sie einem den Kopf freibläst, daß man auf einen anderen Planeten entführt wird und sein eigenes Dasein von einer ganz anderen Warte aus betrachtet und wie von einer langen Reise aus dem Dunkel des Kinosaals zurück ins Tageslicht kommt. Und das, obwohl der Film noch nicht mal eine Handlung hat. Solche Filme sind selten. So ein Film ist
Das jüngste Gewitter.
Roy Andersson hat einen langen Weg hinter sich. Mit 27 gelang ihm mit
Eine schwedische Liebesgeschichte ein weltweiter Hit.
Giliap, sein nächster Film fünf Jahre später, war ein vernichtender Flop. Roy Andersson zog sich nach Stockholm zurück, drehte eine Zeit lang gar nichts, dann lange Zeit nur Werbung, und zwar mit wachsendem Erfolg, dann fing er ganz behutsam wieder an, machte in den späten 1980ern und frühen 1990ern zwei Kurzfilme und schließlich
Songs from the Second Floor, der 2000 in Cannes den Jurypreis gewann, nachdem Andersson vier Jahre daran gearbeitet hatte. In all diesen Arbeiten entwickelte er nach und nach seine eigene Ästhetik: Alles spielt in akribisch gestalteten Studiobauten, die aussehen wie die Gemälde der Neuen Sachlichkeit. Die Kamera zeigt ein unbewegtes Weitwinkelbild. Die Akteure sind blaß und sehen oft aus, als lebten sie seit Jahren in tiefster Verzweiflung. Die Darsteller sind Laien, die Andersson auf der Straße aufgelesen hat, und ihre Lebensechtheit hat etwas Erschreckendes. Jede Szene geschieht in einer einzigen Einstellung. Man sieht immer alles. Und wenn man sich darauf einläßt, bekommt man ein Kinoerlebnis, das sich vom konventionellen, geschnittenen Film grundlegend unterscheidet. Der filmische Raum öffnet sich, die unbewegten Bilder führen paradoxerweise nicht zu einer Distanzierung vom Leinwandgeschehen, sondern im Gegenteil zu größerer Anteilnahme.
Das jüngste Gewitter behandelt simple Gegebenheiten des Lebens, die wir alle kennen. Menschen gehen miteinander um, scheitern aneinander und erzählen uns zwischendurch ihre Träume. Ein Mann spielt mit verbissenem Ernst Baßtuba und treibt seine Frau in den Wahnsinn. Ein Mann träumt, wie er ein Tischtuch vom Tisch zieht und dafür hingerichtet wird. Roy Anderssons Blick ist illusionslos, gnadenlos und darin sehr liebevoll, der Film ist lapidar, morbide und darin sehr lebensbejahend, denn er stellt uns allen die Frage, was wir mit uns selbst und den anderen und diesem ganzen Leben eigentlich anfangen wollen. Roy Andersson ist ein weiser Mann. Ich verneige mich vor seiner Weisheit und seiner Kunst.