Freude am Sehen
Von Sascha Seiler
Die vierzigste Ausgabe der Marburger Hefte zur Medienwissenschaft, »Augenblick«, ist gänzlich dem emeritierten Herausgeber der Reihe, Günter Giesenfeld, gewidmet. Im Grunde widmet er sich das Heft also selbst, tut dies aber nicht aufdringlich, vielmehr muß man lange suchen, um die Autoren der vier Beiträge ausfindig zu machen, bis man merkt: Es ist Giesenfeld selbst. Unterbrochen wird der zentrale Beitrag von Fotographien, die der Autor auf seinen zahlreichen Reisen in den letzten Jahrzehnten knipste, und kurzen, persönlich gefärbten Kommentaren, die den wissenschaftlichen Charakter des Textes ergänzen. Der Titel des Bandes allerdings wird den Leser irritieren. Mitnichten hat der Band mit der Thematisierung der Anschläge des 11. September in Hollywood zu tun; lediglich ein kurzer Exkurs über den gesellschaftlichen Zwang der US-Politik, nach Hollywood-Grundmustern zu agieren und eine nicht ganz nachzuvollziehende Lobpreisung von Oliver Stones
World Trade Center als Film, der das Globale über das Persönliche ausdrückt und daher in der gegenwärtigen amerikanischen Gesellschaft mißverstanden wurde, sind im Kontext von 9/11 geschrieben. Ansonsten reflektiert Giesenfeld zwar wissenschaftlich akkurat, aber glücklicherweise auch nostalgisch über den Wandel Hollywoods, über Charlie Chaplins Genie, über Montage, Tradition und in einem längeren Aufsatz über das Genrekino. Im Ganzen geht es um die Liebe zum Kino, welche die manchmal trockene wissenschaftliche Arbeit nicht verdecken kann und darf, um ein Leben auf der Suche nach den großen Kinomomenten und die Freude am Sehen.