Ausstellung »Marinus/Heartfield« inklusive Filmreihe
Wenn von Montage in der Fotografie die Rede ist, dann ist das Kino selten weit. Insbesondere in Frankreich, wo Marinus wirkte, ist das so, denn »montage« bedeutet in der Landessprache Filmschnitt. Marinus selbst war ausgesprochen filmbegeistert, wie die zahlreichen Kinothemen seiner Fotomontagen zeigen: Seine Protagonisten hießen Greta Garbo, Ben-Hur, King Kong und, immer wieder, Charlie Chaplin. Marinus nutzte die Popularität des Mediums als Referenzfläche für seine politischen Themen.
Bereits in der Stummfilmzeit hatten Filmemacher wie D. W. Griffith, Sergeij Eisenstein, Dimitri Kirsanoff und Abel Gance alle erdenklichen Möglichkeiten ausgelotet, in der zeitlichen Reihung des Filmschnittes unterschiedliche Bildmaterialien zu neuen Aussagen zu verknüpfen. Im Propagandafilm wurden die Entdeckungen der Filmavantgarde zum vielleicht wichtigsten Stilprinzip.
Unsere begleitende Filmreihe führt einerseits zurück in diese wichtige, stilbildende Phase der Filmgeschichte. Neben frühen Filmen von Charles Chaplin und D.W. Griffith sind selten gezeigte Werke der Pariser Filmavantgarde zu sehen, die Marinus beeinflusst haben dürften: Es war der Exil-Russe Dimitri Kirsanoff, der in seinem experimentellen Melodram Ménilmontant die russischen Montagetheorien nach Frankreich brachte. Als enger künstlerischer Mitarbeiter stand er Abel Gance zur Seite beim größten und erfolgreichsten französischen Film der 1920er Jahre, Napoleon. Das Museum Ludwig zeigt diesen gut vierstündigen Film, der in Köln seit den 1980er Jahren nicht mehr zu sehen war, in einer restaurierten und farbig viragierten 35mm-Kopie. Zum Höhepunkt wird die Leinwand zu einer großen Bildmontage, da Gance mit drei Projektoren gleichzeitig arbeitete.
Eine Schnittstelle zwischen Fotomontage, Film und Malerei liefert das Werk von Fernand Léger. Er gehörte zum persönlichen Bekanntenkreis von Marinus, schuf mit seinem Avantgardefilmklassiker Ballet mecanique ebenfalls eine bleibende Hommage an das gemeinsame Idol Chaplin und wirkte für Abel Gance als Plakatkünstler.
In der Nazi-Zeit wurden die Errungenschaften der Montage aber auch für die offizielle Propaganda vereinnahmt. Fritz Hipplers Hetzfilm Der ewige Jude benutzte Montagen des verfemten Künstlers Hans Richter und bürstete sie gegen den Strich. Der renommierte Fotograf Walter Hege feierte Albert Speers Architekturmodelle im Kurzfilm Die Bauten Adolf Hitlers und Walter Ruttmann, dessen Werk Berlin – Die Sinfonie der Großstadt, gerade die Pariser Kunstwelt begeistert hatte, huldigte im Werbefilm Deutsche Panzer der Rüstungsindustrie. Auch in der Nachkriegsszeit lebte der Einfluss der politischen Montage fort. Zur Zeit des Vietnamkriegs entstand im US-Regierungsauftrag der Anti-Hippie-Film Yippie, der sich einer psychedelischen Schnitttechnik bediente. Ein Ausblick schließlich führt bis in die politischen Montagen in Videoclips wie George Michaels Anti-Irakkriegs-Film Shoot the Dog.
Termin
9.8. — 19.10.08